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Kontaktlos


In den letzten Jahren wurde die kampfkunstinteressierte Öffentlichkeit in wachsendem Ausmaß mit einer Kuriosität konfrontiert, die beim überraschten Publikum mit Gewißheit mehrzählig offen bis verhalten Skepsis oder gar Ablehnung hervorgerufen haben mochte. Bei manchen allerdings wird es vielleicht sogar wieder Hoffnungen und Sehnsüchte auf mythische und mystische Versprechen vornehmlich asiatischer Martial Arts wachgerufen haben.

Ich spreche von der Präsentation kontaktloser Übertragungen beziehungsweise Wirkungen kampfkunstgestützter Bewegungsabläufe auf die Körper oder das Koordinationsvermögen eines oder mehrerer Angreifer.

Dargeboten und verbreitet auf Videotapes, DVDs oder über YouTube, besonders öffentlichkeitswirksam von den Vertretern ihrer Schulen und Stile - Dr. Yeung (er repräsentiert verschiedene klassische chinesische sogenannte weiche und innere Stile), Systema-Repräsentant Mikhail Ryabko oder Dim Mak Master Harry Thomas Cameron und einige andere - vorgeführt, haben scheinbar kontaktlose Techniken und Wirkungen den Dunstkreis der Märchen und Legenden verlassen. Von Zweiflern allzu häufig und eilfertig als Täuschungen, Selbsttäuschungen oder choreographische Effekte gedeutet, stoßen derlei Präsentationen, einmal wahrgenommen, doch mehr Fragen an, als sie Antworten bereithalten oder zur Aufklärung beitragen können. Spätestens der neugierig-naive Versuch allerdings, derartige "Techniken" und auch "Choreographien" einfach nachzustellen, eröffnet dem Tester doch entschieden, daß den "Originalen" in der Ausführung neben einer unzweifelhaften Ästhetik eine gewisse Kunstfertigkeit nicht abzusprechen wäre.

Daß bei der weit zurückreichenden Geschichte aufeinander orientierter und abgestimmter schlag-, stich-, schnitt-, tritt-, griff-, halte- und stoßmechanischer Angriffe verteidigungs- und kampfsimulierender Aneignungs- und Verbesserungstechniken ein Begleitphänomen wie die vermeintlich kontaktlose Wirkung nicht schon immer in verschiedenen Spielarten den Akteuren bekannt gewesen sein sollte, dürfte ziemlich ausgeschlossen sein. Naheliegend auch, daß manche Legende und mancher Mythos, gestützt auf Mißdeutung und Unverständnis, ihren Stoff und ihre Lebensdauer daraus gewonnen haben. Dabei sind gerade bei den Martial Arts seit ihrem Bestehen ritualisierte Bewegungssequenzen (Formen) und anwendungsmechanische Lern- und Forschungsabläufe zum gefährdungsreduzierten Erwerb einer genauen Kenntnis und Praxis unterschiedlicher Wirkungen und Techniken unerläßlich. Nur in diesem Umfeld und unter diesen Voraussetzungen allerdings haben wir es dann unter Umständen mit dem ersichtlichen Auftreten kontaktloser Kettenphänomene zu tun, denn die Bedingungen voraussagbarer Bewegungsabläufe und absehbarer Techniken machen diese Begleiterscheinungen erst für das Auge faßbar, ebenso wie die vollständige Ausführung einzelner aus dem Zusammenhang der Unkalkulierbarkeit gelöster Anwendungen und Techniken für den Praktizierenden erst spür- und nachvollziehbar wird.

In einer allseits bekannten Schule und einem allseits bekannten Stil der Martial Arts, der, gegründet durch eine besondere Fallschule, Dreh-, Zug- und Wurftechniken gleichermaßen favorisiert wie engräumige Ausweichmanöver, gibt es als primitives Beispiel für unwillkürliche Koordinationseffekte das vom Verteidiger in einer Drehbewegung weiträumig zum Boden entzogene Handgelenk, das der Angreifer ohne Korrektur oder Anpassung seines Gesamtkörpereinsatzes (also auf einer für ihn festgelegten Bahn) greifen soll mit der Folge eines augenscheinlich leichthändigen Wurfes, der, erzwungen durch die vergebliche Verfolgung der Hand des Verteidigers durch den Angreifer nach unten in Verbindung mit der konditionierten Fallschule, in der Tat den Eindruck einer harmonischen Technik hinterläßt.

Im Tan Tien Tschüan, in dem in Formen und Übungsmanövern, natürlich unter Ausschluß des Kampfes, wie in vielen anderen Martial Arts-Schulen auch, entsprechende Formen und Bewegungsabläufe praktiziert werden, hier zumeist jedoch als freie Partnerformen, aber wesentlich kompakter und aufs Kürzeste getimt, ist auch unter diesen Umständen seit 30 Jahren jenes spezifische Begleitphänomen ein vertrautes Erscheinungsbild. Wir sprechen bei der Tan Tien Tschüan-üblichen Koordinationskürze der Bewegungsabläufe und der Massivität des Körpereinsatzes deshalb von einer partiellen Synchronizität. Zwei lebende Körper in einer Konfrontation setzen über den Modus annähernder Gleichzeitigkeit beim Aufprall und in der Lösung des entsprechenden Achsenpunktes beider Kontrahenten eine aus dem fast gleichzeitigen Wechselpunkt folgende Reflexion der Bewegung fort. Das kann dann wie der kontaktlose Einfluß auf einen der beiden Körper wirken, setzt jedoch den Verzicht von einem der beiden Kontrahenten auf die beharrungsgestützte Korrektur seines eigenen Körpereinsatzes voraus. Zweifellos kann das Erscheinungsbild eines derartigen Koordinationsvermögens schon als eine Referenz der Qualität wachsender Aussteuerungsfertigkeit eines Praktizierenden der Kampfkünste gelten, jedoch wäre sie als eben eine solche Forschungshilfe nicht etwa mit kampfrelevanten Wirkungen oder Anwendungen zu verwechseln.

Von unabweislicher Wirkung oder finaler Übertragung durch höchst entwickelte aussteuerungsdynamisch generierte Anwendungen kann nur dann die Rede sein, wenn diese völlig unabhängig und frei unter anderem auch von der partiellen Synchronizität zur Ausführung gelangen.



H.B.

H.B.


8. November 2009



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